Fehlerreiches Wandeln auf den Spuren der Vorgeschichte der Fotografie

Die Geschichte der Fotografie hat bekanntlich noch eine faszinierende, „obskure“ Vorgeschichte, die mit Sicherheit bis in die Antike zurückreicht. Vielleicht geht sie noch viel weiter zurück, aber die erste schriftliche Überlieferung einer so genannten Camera obscura geht gemäss Wikipedia auf die apokryphe Schrift Problemata physica zurück. Eine Camera obscura „besteht aus einem lichtdichten Kasten oder Raum, in den durch ein schmales Loch das Licht einer beleuchteten Szene auf die gegenüberliegende Rückwand trifft. Auf der Rückwand entsteht dabei ein auf dem Kopf stehendes und seitenverkehrtes Bild dieser Szene. (Wikipedia)“

Nun, eine Camera obscura kann man auch im Taschen- oder Streichholz-schachtelformat haben. Das Bauprinzip bleibt das gleiche und ist schnell realisierbar.

Der Umbau analoger oder digitaler Kameras zu einer dann so genannten Lochkamera ist eigentlich auch ein Kinderspiel und man findet unzählige Anleitungen dazu im Internet, natürlich auch fröhliche Youtube-Videos, in denen zu Hauf Löcher in Kameradeckel gebohrt werden. Im Detail unterscheiden sich die Tipps und Tricks, das Wesentliche bleibt jedoch immer gleich: Man versucht ein Optimum bei der Lochgrösse herzustellen, damit der gegebene Bildabstand zu einem relativ scharfen Bild führt (Schärfe und Beugungsfehler müssen berücksichtigt werden). Das Ganze lässt sich exakt berechnen, dazu gibt’s auch Tabellen zum Ablesen für verschiedene Bildabstände (Abstand vom Film oder Sensor zum Loch im Kameradeckel).

Allein, die Hauptschwierigkeit lässt sich mit allen Berechnungen nicht beseitigen, so lange man das Loch dann einfach mit einer Stecknadel von Hand in eine Folie sticht. Es nützt nämlich nichts, wenn man den genauen Durchmesser dieses optischen Optimums weiss, der für die meisten Kameras wohl zwischen 0.15 und 0.3mm liegen dürfte. Sagen wir, für meine wäre es 0.235mm. Wie sollte ich von Hand so einen Durchmesser stechen können? Dazu bedürfte es spezieller Technik, die aber dem Charme dieser primitiven Herstellung völlig zuwiderlaufen würde.

Jedenfalls habe ich also eines Tages jene primitive Herstellung aus dem Reich der ewigen Erwägungen gerissen und in die Tat umgesetzt. Dies ging nicht ohne die Mithilfe eines Freundes. Denn ich selbst verfüge über praktisch kein Werkzeug. Und einen Bohrer braucht es dazu eben schon.

Zweikommafünf entscheidende Fehler sind mir dann dabei unterlaufen.

Zum einen dachte ich mir, ich bohre sicher nicht ein 5mm oder noch breiteres Loch in meinen Kameradeckel, wenn ich nachher nur ein 0.15 bis 0.3mm dickes brauche. Ich wählte einen 2mm Bohrer und dachte, das sei irgendwie edler. Bitte nicht nachmachen, denn das führt zu zusätzlicher Vignettierung der Bilder, da der Deckel doch eine gewisse Stärke aufweist und somit so etwas wie eine kurze Röhre entsteht, die den Strahlengang mehr begrenzt als gedacht. 5mm wäre schon die richtige Lösung gewesen.

Zweiter Fehler: Die (Teelicht-)Folie hatte ich schon im Innern des Deckels fest verleimt, als ich mit dem pin das hole machte. Da war das Loch dann zunächst kaum erkennbar, es fiel praktisch kein Licht durch. Also zweiter Anlauf, etwas beherzter… Ja, klar war es jetzt deutlich zu erkennen! Es ist nun geschätzte 0.6 bis 0.8mm gross geworden. Also ein echt lichtstarkes pinhole ist mir da geglückt. Aber eben, die Unschärfe ist nun halt deutlich schlimmer geworden, als das Optimum versprechen würde.

Bleibt noch Kommafünf: die beiden Löcher sind auch nicht konzentrisch gelungen. Das Teelichtloch liegt deutlich rechts oben am Rand des eh zu schmalen Kameradeckellochs. Somit liegt zu allem Übel noch ein kleiner Teil des Bildes gar nicht auf dem Sensor. Viel mehr kann man eigentlich gar nicht falsch machen. Aber man lernt wirklich eine Menge durch diese Fehler, was man eben völlig verpasst hätte, wenn alles nach Plan gelaufen wäre.

Eine eigne Idee, die ich so noch nirgends angetroffen habe, konnte ich immerhin ohne weiteren Fehler verwirklichen. Auch wenn das Loch klein ist, die Kamera ist mit dieser „Optik“ vorne offen und das mag der Sensor nicht. Durch die elektromagnetische Ladung im Betrieb könnte sich feiner Staub auf dem Sensor anreichern, was zu unschönen Sensorflecken führen würde. Die kriegt man sowieso bei jedem Objektivwechsel gratis geliefert, aber wer möchte das Risiko solcher Flecken denn zusätzlich erhöhen? Folglich habe ich einen alten UV-Filter mit kleinem Durchmesser vorne auf den Kameradeckel geklebt. So ist das Teil also wenigstens staubdicht.

Nun, einer Vollformat-Systemkamera so ein primitives Nicht-Objektiv zu verpassen, das die Bildqualität dramatisch „verschlechtert“, ist wohl nicht jedes Fotofreundes Vergnügen. Aber dass ich halt auf solche Spielchen stehe, ist wahrscheinlich für die, die mir schon länger über die Schulter gucken, keine grosse Überraschung.

Irgendwann werde ich auch einen zweiten Anlauf nehmen, um das Obskure dann möglichst nahe ans Optimum zu bringen. Doch das hat noch Zeit.

Hier sind erstmal die Ergebnisse dieser Bastelei. Ich finde die Unschärfe und die Zerstreuungskreise in den Bildern noch ganz reizvoll, oder nicht? Wie üblich, zum Vergrössern einfach die Bilder anklicken.

16 Gedanken zu „Fehlerreiches Wandeln auf den Spuren der Vorgeschichte der Fotografie

  1. Und wer sagt denn, dass Bilder immer scharf sein MÜSSEN? Wo bleibt denn da die Kreativität? Scharfe Fotos ist was für Anfänger 😉

    Mir gefällt Deine Spielerei … Bohrer habe ich … Gehäusedeckel auch … Alufolie und Nadel … zur Not auch Teelichte … Das muss ich doch glatt mal probieren 😉

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    1. Ja, mach das! Ist ne günstige Lösung für kreative Fotos. Und Spass macht es definitiv, sowohl das Basteln, (die Fehler, hm…) und das Knipsen sowieso. Bei der Belichtungszeit muss man dann ein wenig ausprobieren.
      LG Franz

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    1. Danke sehr. Nein, den Hutschi kannte ich bisher noch nicht. Habe mich gerade kurz dort umgeschaut. Das sieht spannend aus: Fotopapier mit Heidelbeersaft, 24 Stunden belichtet… grosses Kino! Vielen Dank für den Tipp und
      schöne Grüsse, Franz.

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  2. Entschuldigung, aber habe ich einen Sehfehler, oder liegt es an der mangelnden Kraft meines Rechners? Die Bilder sind extrem unscharf wenn ich sie vergrößere. Ich erkenne gar nichts. Also ich mag durchaus Unschärfe usw., aber das hier scheint so zu sein, dass es einfach zu kleine Bilder sind und deswegen vergrößert extrem verschwommen aussehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies gewollt ist lieber Franz 😀 Aber vielleicht ja doch und es liegt an mir. Schönen Tag! Ulli.

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    1. Danke für diesen Kommentar! Ja, die Bilder sind wirklich sehr unscharf, also hast Du wohl keinen Sehfehler und dein Rechner ist sicher auch okay. 🙂

      Diese Bilder sind ja Lochkamera-Bilder, also können sie gar nicht ganz scharf sein. Ich habe in meinem Beitrag die Fehler, die ich bei der Konstruktion gemacht habe, erwähnt. Unter anderem ist das Loch mindestens doppelt, eher drei- bis viermal so gross wie das Optimum für eine pinhole. Es ist nicht so leicht, auf Anhieb 0.2 – 0.3mm in eine Folie zu stechen. Ich würde deshalb bei einem weiteren Versuch gleich eine ganze Serie stechen, die Folien jeweils aussen mit Klebstreifen festmachen und dann Probefotos schiessen. Damit sollte man das „richtige“ Teil finden.
      Diese Bilder sind also keinesfalls optimale Pinholes! Es ging mir mehr darum, einen kleinen Erfahrungsbericht zu schreiben und etwas zu illustrieren. Man muss schon Freude an abstrakten Bildern haben, um diesen hohen Grad an Unschärfe zu mögen… Ich hätte es ja auch gerne ein bisschen knackiger und wahrscheinlich werde ich nochmals einen Anlauf nehmen.
      Nochmals vielen Dank für deinen Kommentar. Ich finde es super, wenn konstruktive Kritik geübt wird. Das bringt mich weiter.
      Schöne Grüsse, Franz

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  3. Lieber Franz

    Vor einigen Jahren hat das Kunsthaus Zürich einen Fotografen aus Tschechien ausgestellt, der mit Lochkamera fotografiert hat. Es war sehr eindrücklich !!! Sein Name = Miroslav Tichy.

    Bitte mache mehr mit dieser Technik.

    LG

    Jaromira

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    1. Tichys Bilder sind faszinierend, das stimmt. Seine selbstgebastelten Kameras sind legendär.

      Ich habe im Sinn, diverse Landschafts- und Naturbilder mit dieser Technik zu machen. Die Bilder, die ich in diesem Beitrag zeige, sind nur erste Beispiele direkt vor meiner Haustür gemacht. Ich hoffe, wenn das Motiv gut zur Lochkameratechnik passt, dann sollte das Ergebnis noch einiges interessanter werden.
      LG Franz

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