Aufgepasst, jetzt kommt der Dilettant

Wer meine Internetseiten häufiger besucht, könnte festgestellt haben, dass ich meine eher minimale Information auf der Homepage vor einiger Zeit etwas aufgepeppt habe. Ein Blogcounter, eine Übersicht der neueren Blogbeiträge, ein Google translator und eine Suchfunktion sind am unteren Ende der Seite dazu gekommen. Das allein wäre natürlich noch keine Erwähnung wert. Aber: Im „Untertitel“ der Seite habe ich zunächst zu meinem Namen den Begriff „Fotograf“ hinzugefügt. Ich dachte, vielleicht könnte das sogar nützlich sein. Denn bei einem ersten Besuch dieser Internetseite verstünde man vielleicht gar nicht, worum es hier denn so geht. Kurze Zeit darauf habe ich noch den „Amateur“ vor den „Fotografen“ gestellt, womit wir endlich beim Thema wären. [Inzwischen habe ich den Untertitel vom Dilettanten/Amateur befreit; es war ein Zusatz, der für mein Projekt doch wenig Sinn gemacht hat. 10.05.2018]

Nehme ich nun mein Übersetzungstool und stelle es auf „Italienisch“, so steht dann im Untertitel: Franz Müller Rieser, fotografo dilettante, Weinfelden, Svizzera. So etwas Sinnloses mache ich tatsächlich, etwa zum Herumprobieren, wie das alles in anderen Sprachen aussieht. Lao finde ich zum Beispiel besonders cool… Und ich mache es aber auch, um Italienisch zu lernen. Oder gehe gleich auf Blogs in richtiger italienischer Sprache. Italienisch „lernen“ tue ich auf hundert verrückte und leider bisher ziemlich unfruchtbare Arten. Zum Beispiel schaue ich mir italienische Kochsendungen im TV an. Ich verstehe dann immerhin spaghetti, il cuoco und bellissima. Das ist nicht viel. Besser war da schon neulich mein Skiurlaub im Trentino, wo man hin und wieder mal Italienisch sprechen kann sollte. Nun, Italienisch lerne ich also völlig dilettantisch, einverstanden. Aber verhält es sich beim Fotografieren denn genauso?

Teils, teils. Ich bin zu 99% Autodidakt, was das Fotografieren betrifft und ich geniesse den spielerischen Umgang mit Motiven, Fotoapparaten und Nachbearbeitungs-möglichkeiten. Andererseits habe ich durchaus einen gewissen Qualitätsanspruch in Bezug auf meine Endprodukte, die Bilder. Warum sollte ich mich also mit dem Begriff des Dilettanten oder Amateurs schmücken? Ich bin zwar schon jemand, der sich auch ab und an mal gerne selber ins Knie schiesst, aber so ist das in diesem Fall gar nicht gemeint.

Der Dilettant war ursprünglich kein negativ besetzter Begriff, sondern diente einzig der Unterscheidung zwischen Leuten, die etwas aus Leidenschaft praktizieren und jenen, die das gleiche als Broterwerb tun. Zudem habe ich ja Amateur geschrieben. Aber auch dieser Begriff nützt sich ab und wird mit der Zeit zum Schimpfwort, genauso wie der Dilettant schon längst einer ist. Das ist ein ganz weit verbreitetes Sprachphänomen. Viele (Fach-)Begriffe werden im rustikalen Gebrauch der Alltagssprache negativ gefärbt und somit mit der Zeit unbrauchbar oder zumindest politisch nicht mehr korrekt. Das Lustige daran ist, dass im Prinzip ganz anständige Leute an diesem Ab- und Umbauprozess aktiv beteiligt sind und sich dann von Zeit zu Zeit mit einem gesellschaftlich verordneten Begriffswechsel ans moralisch sichere Ufer retten (müssen). Allein schon deshalb reizt es mich jetzt im Moment gerade sehr, als kleinen sinnlosen Protest den halb ruinierten Begriff des Amateurs im Untertitel meiner Webseite durch den (völlig ruinierten) des Dilettanten zu ersetzen…

Aber ich schweife ab. Mein Anliegen war natürlich, mich mit dem Begriff des Amateurfotografen vom Berufsfotografen ganz banal abzugrenzen. Dies einerseits aus Respekt vor Menschen, die diesen Beruf seriös erlernt haben und sich somit ein umfangreiches Fachwissen erworben haben, das ich höchstens ansatzweise besitze. Andererseits möchte ich aber den Amateurfotografen auch aufwerten. Er ist meines Erachtens mehr als nur ein Hobby- oder Smartphoneknipser. Er oder sie ist jemand, dem die Fotografie wirklich einiges bedeutet, um es mal ganz unpathetisch zu sagen.

Dazu ein wie ich finde sehr passendes Zitat von Egon Friedell, dem genialen jüdisch-österreichischen Journalisten, Schriftsteller und Kulturphilosophen, der sich 1938 vor dem drohenden Zugriff der Nazis selbst das Leben nahm und der zu Lebzeiten als Störenfried und Querdenker galt:

…Was den Dilettantismus anlangt, so muss man sich klarmachen, dass allen menschlichen Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt werden. Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf; und darum strömt bei ihm der ganze Mensch in seine Tätigkeit und sättigt sie mit seinem ganzen Wesen, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmässig betrieben werden, etwas im üblen Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel. Der Fachmann steht immer zu sehr in seinem Berufskreise, er ist daher fast nie in der Lage, eine wirkliche Revolution hervorzurufen: er kennt die Tradition zu genau und hat daher, ob er will oder nicht, zu viel Respekt vor ihr. Auch weiss er zu viele Einzelheiten, um die Dinge noch einfach genug sehen zu können, und gerade damit fehlt ihm die erste Bedingung fruchtbaren Denkens. Die ganze Geschichte der Wissenschaften ist daher ein fortlaufendes Beispiel für den Wert des Dilettantismus. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie verdanken wir einem Bierbrauer namens Joule… (Egon Friedell, 1878-1938 in „Kulturgeschichte der Neuzeit“)

Friedell zählt neben Joule noch einige andere Beispiele auf. Man könnte sogar Albert Einstein erwähnen, der seine bahnbrechenden Theorien 1905 als einfacher Beamter des Schweizer Patentamts in Bern formuliert hat.

Und in der Geschichte der Fotografie waren es vor allem die Amateure, die die Fotografie stilistisch, inhaltlich und auch technisch entscheidend weiterentwickelt haben. Beispielsweise waren die Mitglieder des einflussreichen Linked Ring, zu dem auch Alfred Stieglitz gehörte, fast ausnahmslos Amateure. Die meisten heute weltbekannten Fotografinnen und Fotografen haben keine klassische Fotografenausbildung genossen, einige haben zwar einen universitären Abschluss wie den Master of Arts, haben also unter anderem Fotografie unter dem künstlerischen Blickwinkel studiert.

So viel zum Dilettanten. Was heisst das aber jetzt für den gescholtenen Profi? Klar werden Berufsfotografen Friedells ziemlich radikalen Einwurf zugunsten der Amateure nicht gerade schätzen. Und natürlich bedarf es gewisser technischer (Fach-)
kompetenz, um „gute“ Fotos zu schiessen. Keine Frage. Wenn es aber nur dabei bleibt, resultiert Langeweile, sowohl beim Profi wie bei seinen Kunden. Aber was den wirklich guten Profi ausmachen täte, wäre meiner Meinung nach, sich bei der Arbeit eine kleine oder manchmal auch grössere Portion „Dilettantismus“ zu gönnen; sicher im Sinne einer „menschlichen Beziehung zu seinen Gegenständen“ und auch im Sinne, aus der „Tradition“, aus der Enge des scheinbar Unumstösslichen herauszutreten. Das erworbene Fachwissen mit dem sorglosen Spieltrieb des Dilettanten zu vereinen, das würde meiner Ansicht nach eine lebendige Fotografie ermöglichen. Ich bin überzeugt, dass die erfolgreichen Profifotografen genau dies sowieso schon tun.