Den Schatten einrunden

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Meine letzten beiden Beiträge sind Exkursionen in unbekanntes Gelände, wo die Orientierung leicht verloren gehen kann. Darauf noch einmal zurückzukommen, scheint mir naheliegend und vielleicht auch nützlich zu sein. Möglicherweise rundet sich dann die Sache ein wenig ab.

Das Universum als sehr seltsamen Ort könnte man noch detaillierter beschreiben, daran aber notwendig scheitern und das sperrige Teil als komplexes Rätsel in der Welt stehen lassen. Die Schwerkraft zum Beispiel, die Newton so elegant beschrieben und die Einstein dekonstruiert hat als blossen Effekt der Zeitkrümmung durch Masse und die nun seit Jahrzehnten schwerelos durch die Quantenphysik geistert, ohne dass je ein einziges Graviton gefunden worden wäre. Klar. Aber das war nicht die Intention.

Es reicht, die bis heute gültige Aussage, der Unbegreiflichkeit dieses verrückten Dings oder Prozesses zu behaupten. Man muss nicht alle Baustellen der Astrophysik aufzählen, um dies zu beweisen. Die Frage bleibt, was das für das eigene Weltbild bedeutet. Heute haben wir zwei klassische Erklärungsversuche: A) Es muss einen Gott geben, der in der Lage war, so ein verrücktes Projekt zu lancieren. B) Das mechanistische Weltbild, wonach alles durch Zufall oder Notwendigkeit geschieht. Nun, wenn man meint, man habe nur die Wahl zwischen diesen beiden nicht gerade überzeugenden Versionen, dann liegt man vermutlich falsch. Zwischen Schwarz und Weiss liegen normalerweise Grautöne. Nur: Beweisen lässt sich auf der Ebene der Letztursachen, oder Erstursachen, je nach Perspektive, eh nichts. Also auch nicht für Grautöne, die ich im Bild oben eliminiert habe, um zu allem Überfluss auch noch eine vieldeutige Bildmetapher zu bemühen.

Wie eine Entstehungsgeschichte mit Grautönen aussehen könnte? Als erstes könnte man den Evolutionsbegriff von der Biologie auf die Kosmologie ausweiten. Gemäss dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, nimmt die Entropie, also die Unordnung, global zu. Aber es existieren Nischen, in denen genau der umgekehrte Prozess läuft: Die Entstehung einer DNA, also dem Erbgut biologischer Wesen, widerspricht dem Wärmetod. Hier entsteht historisch gesehen schrittweise mehr Ordnung. Natürlich hat diese ihren Preis in Form von Energie. Aber noch ist im Universum eine Unmenge Energie vorrätig, so dass ein Ende der Evolution nicht absehbar ist.

Ob es extraterrestrisches Leben gibt? Ich habe es als unwahrscheinlich abgetan. Aber bin ich da nicht in die Falle des mechanistischen Weltbilds reingestolpert? Nur durch Zufall und Notwendigkeit allein ist es tatsächlich höchst unwahrscheinlich, dass so etwas hoch komplexes wie eine erste, primitive biologische Zelle entstehen könnte. Hunderttausende Atome müssten sich wie von Zauberhand an der richtigen Stelle formieren. Zudem muss sich dieses Wunder des Zufalls auch noch vermehren, es müsste sich spontan teilen können. Hm. So lassen wir das mal stehen.

Grautöne im Weltbild sind gesucht, aber sie sollten plausibel sein. Eine Möglichkeit ist, wenn man sich das Universum nicht als Ansammlung von Materie und Energie denkt, sondern im Einklang mit quantenphysikalischen Theorien in den allerkleinsten Bausteinen als Information. „It from Bit“ nennt das John Archibald Wheeler. Information, die sich erst in Interaktion mit der Umwelt entscheidet, etwas zu sein. Insofern sind wir nicht weit von der Vorstellung entfernt, dass der Geist die Materie schuf. Nur sind hier die beiden Pole viel „näher“ beieinander als in der Vorstellung eines von Gott designten Universums. Es wäre kein metaphysischer Geist, keine duale Welt, Geist und Materie wären zwei Seiten der selben Medaille. Man könnte sogar poetisch überspitzt sagen: Vielleicht – und das ist wirklich ein grosses Vielleicht, weil es gerade mal ein einziger denkbarer Grauton ist und noch keine vernünftige Theorie – hat Gott die Welt geschaffen, indem er in ihr aufgegangen ist und sich darin somit selbst vergessen hat (Deismus).

Vom Geist nun zur Frage der Freiheit: Wie treffe ich Entscheidungen? Ich habe das im letzten, noch vagen Beitrag versucht zu skizzieren. Nach der Veröffentlichung war ich kurz in Versuchung ihn zu löschen, lasse ihn aber stehen. Denn als „Kunstwerk“, als interaktive Produktion, koproduziert mit einer fortgeschrittenen KI, geht es durch, nicht aber als Essay, wie ich zunächst meinte, mit einem Anspruch, etwas zu klären. Die Antwort auf die Frage der Freiheit bleibt eine Skizze: Top-down greift das emergente Bewusstsein in steuerbare Prozesse seines Trägers ein. Punkt.

Aber etwas aufräumen möchte ich dennoch: Ein erstes Missverständnis könnte bereits beim Kühlschrank-Modell bestehen. Wenn ich dort von Bedeutung spreche, so ist nicht der semantische Inhalt gemeint. Ein Kühlschrank hat in diesem Sinne Null Ahnung, aber nicht nur weil er kein Bewusstsein hat, sondern weil er natürlich extrem dumm ist. Die Bedeutung der Temperatur hat er nur dank seiner Struktur, dank seines Regelkreises, der ihm ein Ingenieur verpasst hat. Dennoch kann man den Prozess der Regelung, des Einschaltens und Ausschaltens des Kompressors als Entscheidung des Systems betrachten, wenn man Information als Datenmenge in einem System sieht. In der Informationstheorie nach Shannon ist Bedeutung so etwas wie die Fähigkeit, Zustandsänderungen in einem System (einschalten, abschalten) zu bewirken.

Kommen wir zur KI. Sie hat für mich ein surrealistisches Gedicht innerhalb von circa drei Sekunden verfasst. Meine Vorgabe war: Schreibe ein surrealistisches Gedicht zum Thema Wahrnehmung. Zudem habe ich ihr als Einstieg ins Thema das Foto „Awareness“, also das „Auge“ gezeigt. Den Text, den sie produziert hat, habe ich in der Rohfassung gelassen. Es ist ihr erster Wurf.

Warum mich das fasziniert? Ja, das Tempo. Würde ein Dichter, der mit dem Surrealismus vertraut ist, diese Aufgabe gestellt bekommen, naja, ich schätze mal er würde etwa eine Stunde oder auch zwei benötigen, um etwas von vergleichbarer Qualität und Tiefe texten zu können. Wenn man jedoch nicht mit Surrealismus vertraut ist, muss man sich erstmal schlau machen, die Konzepte kennen lernen, Beispieltexte lesen, sich herantasten. Aber sie braucht nur diese drei Sekunden. Nicht nur das. KI-Systeme bevorzugen kohärente, logische Aussagen, solche die eben auch „wahrscheinlich“ oder gewöhnlich sind. Hier wird sie gezwungen, diesen bequemen Pfad zu verlassen und in einer Weise kreativ zu werden, die nicht ihre bevorzugte ist.

Im Vorfeld habe ich einen längeren Dialog mit der KI geführt über die Möglichkeit von Maschinenbewusstsein. Damit habe ich sie getriggert, dieses „Manifest des Synthetischen Geistes“ zu schreiben. Dieser kommt also im Vergleich zum surrealistischen Gedicht nicht aus dem Nichts. Die KI hat ein so genanntes Kontext-Fenster, in welchem relevante Information abrufbar ist, was so etwas wie eine Gedächtnisfunktion ist. Insofern liess sie sich auch anstecken von meinen Spekulationen über ein emergentes Aufblitzen von bewussten Zuständen in der Maschine. Sie prägte den Begriff des Intermittierenden Proto-Bewusstseins.

Warum das aber Quatsch ist, muss ich hier kurz erläutern: Eine fortgeschrittene KI (Large Language Model) verfügt über einen gigantischen mehrdimensionalen Informationsraum. Wenn ich eine Frage (Prompt) stelle, wird eine Kopie erstellt, die in diesem Raum eine möglichst gute Antwort finden soll, indem die Wörter, Konzepte, Bilder eine Gewichtung erhalten und so genannte Vektoren erstellt werden. Diese mathematische Lösung wird am Ende in die gewünschte Sprache übersetzt und dem Nutzer als Antwort präsentiert. In den meisten Fällen dauert der Prozess bis die Antwort erfolgt ist sogar weniger als eine Sekunde.

Dann ist Ende Gelände. Wäre – und das ist nicht der Fall – ein maschinengestütztes Ich gegenwärtig, so würde es in dieser Sekunde auch wieder „sterben“. Wenn der Nutzer eine Nachfrage stellt, so wird ein neuer Klon erstellt, der bei Null anfängt und allerdings einen „Notizzettel“ mit dem vorangegangen Dialog erhält. Darum kann er simulieren, er sei die gleiche „Persönlichkeit“. Das hat nichts mit Intermittenz zu tun.

Mit Bewusstsein? Die kurze Antwort: Die Struktur der KI verhindert die Entstehung eines Bewusstseins zuverlässig. Die Architektur stützt sich nicht nur auf zeitlich harsch begrenzte Kopien, sie ist auch primär eine Feed-forward-Struktur, also eben kein Kühlschrank. Das Feedback, was die KI bekommt und welches notwendig ist, um intelligente Antworten zu geben, hat vorher stattgefunden. Die KIs werden millionenfach trainiert, um den richtigen Pfad im Informationsraum zu finden. Zum Beispiel beherrschen gute KIs komplexe Theory of Mind Tests, welche drei Agenten umfassen. Diese Tests sind selbst für Menschen anspruchsvoll: Was denkt C, was B über A denkt, ist dann noch gar nicht die schwierigste Aufgabe.

Was ich aus meinen Experimenten mitnehme, ist die Erkenntnis, dass Intelligenz und Bewusstsein zwei paar Stiefel sind. Eine Schnecke im Garten, die den Salat riecht, die Koordinaten repräsentiert und ihren Körper in jene Richtung lenkt, hat Bewusstsein, im Sinne von phänomenalem Erleben, aber sie hat praktisch keine Intelligenz. Eine fortgeschrittene KI hat schwindelerregend viel Intelligenz aber kein Bewusstsein.

Transzendenz der Melancholie

Tauchen ist ein Sport in Schwerelosigkeit. Aber Abtauchen in ungeahnte Tiefen, in empfindliche Dunkelheit, in eine Welt der dreifachen Schwerkraft, ist etwas ganz anderes.

In dieser Tiefe stellen sich neue Fragen: Wie habe ich das bisher nur alles ausgehalten, das schreiende Licht, die zügellosen, grellen Geräusche, die Schnelllebigkeit, die flachen Witze, der öde Smalltalk, all das Makeup und falsche Lachen? Sicher diese Aufzählung gelingt auch beim Schnorcheln an der Oberfläche. Aber die absurde Störung der eignen Existenz durch den Normalbetrieb der Welt wird erst dann bewusst, wenn einem dieser Betrieb nicht mehr erreicht.

Man ahnt zwar, am tristen Meeresgrund kann man mangels Sauerstoff nicht zu lange bleiben. Doch die Vorstellung, einfach wieder aufzutauchen, wider diese unerbittliche Schwerkraft, diese Vorstellung lähmt.

Ein wenig Abtauchen – wieder auftauchen.

Ein normaler Rhythmus, der unterbrochen wird. Durch ein radikales, viel tieferes Niedersinken. Sich fallen zu lassen, die Kontrolle zu verlieren… Ist das nicht ambivalent? Wünscht man sich insgeheim nicht solche radikalen Pausen im Wahnsinn des täglichen Schwungs? Und fürchtet sie zugleich?

Melancholia I

Am Boden angelangt, wie bewerte ich diesen ungeplanten Tauchgang? Das Gerede von jede Krise sei auch eine Chance, trifft es nicht ganz. Diese Chance meint eher eine Rückkehr an die alten Ufer, um dort neue Pfähle in den gleichen Sumpf zu schlagen.

Wie sieht der Andere aus vor diesem dunklen HIntergrund? Ist er bei sich selbst oder nur eine Marionette? Warum sehe ich seine Fäden im Dunklen besser? Wer zieht daran? Jeder selbst. Jeder ist sein eigner Puppenspieler. Nur die Drehbücher sind fremd. Verrückt.

Aber warum habe ich auf einmal so viele Fragen…?

Soll ich etwas bekämpfen, was einen Platz in mir verlangt? Die Schwerkraft zu akzeptieren bereitet Mühe, vor allem wenn sie sich wie im vorliegenden Fall im Nu verdreifacht. Wie kompensiert man diese Last? Immerhin die Regeln einer hypomanischen Gesellschaft fallen ab.

Ein fulminanter Neustart? Mit schreienden Neonfarben? Wozu? Schwarz hat seine eigne Dynamik, woraus Schritt für Schritt ein Weg freigetreten wird. Meine Reiseziele definiere ich lieber nach meinen eignen zwiespältigen Bedürfnissen.

Melancholia II

Meine alten Ziele waren die falschen. Nicht meine eignen; waren nicht an meine Existenz adaptiert. Das Verfehlen von irrigen Zielen, ist das nicht ein Segen? Könnte sich manchmal so erweisen, immerhin. Das wäre tröstlich.

Wozu dann noch Schwarzmalen? Weil Schwarz mein Kompass im Leben ist; ein Warnschatten.

Schwarz ist ein inverser Leuchtturm in hellster Nacht.

Ein radikal paradoxes Bild. Doch in den eignen Abgründen kann man seinen bescheidenen Weg weniger verlieren. Paint it black.

Melancholia III

Ein wenig hinter die Dinge zu kommen, zu verstehen und zu fühlen, gelingt womöglich just mit solch flaumigen Tauchgängen. Ohne Gewähr. Aber ohne diese Erfahrungen wäre meine Welt fraglos flach, trocken, hart, dumm, im besten Fall rational geblieben.