Sind wir einfach eine kosmische Notwendigkeit?

Warum Leben im Universum wahrscheinlich der Normalfall ist

War die Entstehung des Lebens auf der Erde ein einmaliger, fast unmöglicher „Lottogewinn“? So dachte ich jedenfalls bis heute. Und lange Zeit glaubte die Wissenschaft, dass der Sprung von toter Materie zu einer lebendigen Zelle so gewaltig ist, dass wir allein im weiten Weltall sein müssten. Doch neueste Erkenntnisse zeichnen ein völlig anderes Bild: Das Universum scheint geradezu darauf programmiert zu sein, Leben hervorzubringen.

Die „Baustein-Lieferung“ aus dem All

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Jüngste Analysen von Asteroiden wie Ryugu oder Bennu haben gezeigt, dass die Grundbausteine des Lebens – die Nukleinbasen unserer DNA, Zucker und Phosphate – im Weltraum allgegenwärtig sind. Das „Material“ für die Ursuppe wurde der jungen Erde quasi per kosmischem Lieferservice frei Haus geliefert. 

Denn obwohl die Erde schnell abkühlte, blieb sie chemisch ein schwieriges Pflaster für die Eigenproduktion von Lebensbausteinen. Hier kommen Asteroiden als Lieferanten ins Spiel. Dass die Erde so früh bereit war, bedeutet lediglich, dass der „kosmische Lieferservice“ seine Fracht auf einen bereits empfänglichen Planeten abwerfen konnte. Die Asteroiden lieferten die nötige Konzentration an Molekülen, die im Urozean sonst einfach „verweht“ wären.

Der fliessende Übergang: Von der Chemie zur Biologie

In seinem aktuellen Video auf dem Kanal „Grenzen des Wissens“ beschreibt der Physiker Prof. Dr. Gerd Ganteför eindrücklich, wie dieser Prozess wahrscheinlich ablief. Es gab keinen magischen Moment, in dem plötzlich eine fertige Zelle auftauchte. Stattdessen sehen wir einen kontinuierlichen Evolutionsprozess auf molekularer Ebene.

Das Stichwort lautet RNA-Welt. Kurze Molekülketten, sogenannte Ribozyme, können sich in einer warmen Pfütze durch einfache physikalische Prozesse – wie den täglichen Temperaturwechsel von Tag und Nacht – selbst kopieren. In dem Moment, in dem sich ein Molekül erstmals selbst vervielfältigt, beginnt die biologische Evolution. Aus Physik wird Biologie.

Leben als emergente Eigenschaft: Ein kosmisches Programm?

Wenn die Bausteine überall im All vorhanden sind und die Gesetze der Thermodynamik auf jedem wasserreichen Planeten gleich funktionieren, dann ist Leben kein Zufall. Es ist eine emergente Eigenschaft der Materie. Unter den richtigen energetischen Bedingungen muss Komplexität entstehen.

Indem wir den Ursprung des Lebens ins All verlagern, entziehen wir der Entstehung den Status des „lokalen Wunders“. Wenn die Bausteine ein Nebenprodukt der Stern- und Planetenentstehung sind, dann ist die Information für das Leben fest in die Hardware des Universums eingeschrieben. Es ist ein kosmisches Programm.

Das Universum ist nicht geistlos?

Hier berühren wir das tiefgründigste Postulat von Ganteför, das wir aus der Quantenphysik ableiten können: die Existenz eines allumfassenden Informationsfeldes. Er geht über die blosse Materie hinaus und postuliert eine immaterielle, ordnende Komponente des Kosmos. Emergenz wäre somit kein blinder chemischer Prozess; sie wäre das Resultat dieses Feldes, das dem Universum eine Art „Achtsamkeit“ (mindfulness) verleihen würde.

Dieses Informationsfeld kommt der Vorstellung einer transzendenten Entität am nächsten, ist aber eine physikalisch begründete Hypothese. Es wäre der Grund, warum Materie nicht dumpf und tot bleibt, sondern zu atmen, zu denken und zu fühlen beginnt.

Das Prinzip des Lebendigen oder der Augenblick, in welchem das Universum zu atmen beginnt.

Das Drei-Sekunden-Märchen: Warum die Gegenwart keine Zeit hat

Wenn ich mit meiner Kamera durch die Gegend streife, stelle ich mir oft eine einfache Frage: Was genau fange ich hier eigentlich ein? In der klassischen Fotografie drückt man mit einer sehr kurzen Verschlusszeit ab – 1/125 Sekunde bzw. 0,008 Sekunden bzw. 8 Millisekunden – und der Moment ist „festgenagelt“. Bei einer Langzeitbelichtung mit Stativ und einer Belichtungszeit von zehn Sekunden glätte ich die kleinen Wellen auf dem Bodensee zu einem glänzenden Spiegel. Und mit ICM (Intentional Camera Movement) lasse ich das Licht auf verschiedene Arten über den Sensor tanzen, auch um die Dynamik der Zeit sichtbar zu machen. Was bildet den Moment nun wirklich ab? In der Fotografie gibt es nicht die eine richtige Antwort. Es ist eine Frage der Ästhetik.

Aber wie lange dauert er eigentlich, dieser „Moment“, für unser Gehirn?

Wer diese Frage dem Internet stellt, landet unweigerlich bei einem Namen: Ernst Pöppel. Die Suchmaschinen spucken zuverlässig die Antwort aus: Drei Sekunden. So lange soll unsere „Gegenwart“ dauern. Ein Paket Zeit, das uns das Gehirn schnürt, damit wir die Welt als zusammenhängend erleben.

Die Google-Falle

Pöppel ist ein Gigant der Hirnforschung, und seine Beobachtungen sind faszinierend: Dass wir Reime in Gedichten über eine Länge von etwa drei Sekunden als besonders stimmig empfinden oder dass der berühmte Necker-Würfel (den man von zwei Seiten sehen kann) etwa alle drei Sekunden in unserer Wahrnehmung „kippt“ – das ist alles messbar und korrekt.

Doch dann beginnt eine merkwürdige Verallgemeinerung der Befunde, welche inzwischen zur erwähnten populären Google-Kurzformel geworden ist. Pöppel schlägt vor, dass diese drei Sekunden ein allgemeines Prinzip unserer „neuro-kognitiven Maschinerie“ seien – eine automatische Integration, die uns ein Gefühl von „Gegenwärtigkeit“ schenkt. Wörtlich: „Aufgrund der Allgegenwart der zeitlichen Integration kann es (das Drei-Sekunden-Fenster) für eine pragmatische Definition der subjektiven Gegenwart verwendet werden, die phänomenal durch ein Gefühl der „Gegenwärtigkeit“ gekennzeichnet ist, oder man kann die zeitliche Integration mit singulären Bewusstseinszuständen in Verbindung bringen.“ (Pöppel, A hierarchical model of temporal perception, 1997; aus dem Englischen von mir übersetzt)

Ich möchte im Folgenden kurz und ohne Anspruch auf wissenschaftlich fundiertes Vorgehen zeigen, dass das ein Trugschluss sein muss. Unsere wahre Gegenwart ist viel schärfer – und viel kürzer.

Die 30-Millisekunden-Grenze: Das echte „Jetzt“

Bevor wir über drei Sekunden reden, müssen wir uns die „Hardware“ unseres Gehirns ansehen. Es gibt eine harte Grenze für unsere Wahrnehmung, die bei ungefähr 30 Millisekunden liegt (0,03 Sekunden).

Das ist die sogenannte zeitliche Auflösungsschwelle. Wenn zwei Reize – zum Beispiel zwei kurze Lichtblitze – schneller als in circa 30 Millisekunden aufeinanderfolgen, kann unser Gehirn sie nicht mehr trennen. Wir sehen dann nur noch einen einzigen Blitz. Erst ab etwa 30 Millisekunden Abstand erkennt unser System: „Aha, das waren zwei Ereignisse hintereinander.“

Diese 30 Millisekunden sind der wahre Takt unseres Bewusstseins. Es ist das kleinste Fenster, in dem wir eine Abfolge registrieren können. Das ist der Wellengipfel, auf dem wir durch die Zeit reiten.

Alles, was länger dauert, ist für unser Gehirn bereits eine Geschichte aus mehreren Zeitpunkten.

Das 50-km/h-Argument

Warum Pöppels Drei-Sekunden-Fenster als „Gegenwart“ nicht funktionieren kann, zeigt ein Blick auf die Strasse: Ein Auto nähert sich mir mit 50 km/h.

In drei Sekunden legt dieses Auto satte 42 Meter zurück. Wenn meine Gegenwart wirklich ein „Fenster“ von drei Sekunden wäre, das sich erst nach Ablauf dieser Gegenwart erneuert, wäre ich beim Überqueren der Strasse verloren. Das Auto wäre beim ersten Jetzt noch weit weg und beim nächsten „Update“ wäre ich bereits Geschichte.

Wir überleben nur, weil unsere Wahrnehmung die Welt eben nicht in Drei-Sekunden-Paketen einfriert, sondern sie hochfrequent im Millisekundentakt aktualisiert.

Der kognitive Echo-Raum: Die 3-Sekunden-Zone

Wenn die drei Sekunden also nicht die „Gegenwart“ sind, was sind sie dann? Man könnte es den „kognitiven Echo-Raum“ nennen.

Unser Gehirn ist ein Energiesparmeister. Es hat im Laufe der Evolution gelernt, dass es Informationen für etwa drei Sekunden „gratis“ im Kurzzeitspeicher nachschwingen lassen kann. Das funktioniert wie ein Echo in einem Raum: Der Ton ist physikalisch schon vorbei, aber der Raum hält ihn noch einen Moment lang präsent, ohne dass wir aktiv etwas dafür tun müssen.

  • Unter 3 Sekunden: Wir befinden uns in einer „Gleitzone“. Reime, Takte oder kurze Sätze werden vom Gehirn passiv integriert. Es kostet uns keine Mühe, den Zusammenhang zu halten. Das ist die Komfortzone des Arbeitsgedächtnisses. Wir erleben sie, wie Pöppel richtig sagt, ohne Aufwand als eine Art Gestalt.
  • Über 3 Sekunden: Hier wird es teuer. Wer sich eine lange Zahlenfolge merken will, muss Energie aufwenden und die Zahlen im Kopf aktiv wiederholen. Das „Echo“ ist verhallt, die Gratis-Phase ist vorbei.

Dass der Necker-Würfel nach drei Sekunden kippt, ist also kein Beweis für eine „neue Gegenwart“, die an diesem Punkt beginnen würde. Es ist ein Zeichen für neuronale Erschöpfung. Das Gehirn sagt: „Diese Sichtweise weiterhin stabil zu halten, wird mir jetzt zu anstrengend, ich schalte mal um – das spart Energie.“

Damit haben wir ein alternatives Modell der Gegenwart skizziert (mit den Elementen: fortlaufende schnelle Aktualisierung, kognitiver Echoraum als Ultrakurzzeitspeicher und dem Arbeitsgedächtnis), das die Rolle der aufgewendeten Energie und des Arbeitsgedächtnisses betont. Folglich sind hypothetische kognitive Werkzeuge, wie eine „intrinsische Zeitkonstante“, die Pöppel vorschlägt, überflüssig.


Wissenschaft im Fokus: Das Ende eines Mythos?

In der modernen Zeitforschung wird die Theorie eines universellen „Drei-Sekunden-Fensters“ zunehmend kritisch gesehen. Der Psychologe Peter A. White unterzog 2017 in seinem Review-Artikel (The three-second moment in psychology: A critical review) die empirischen Grundlagen dieser Annahme einer systematischen Prüfung. Seine zentralen Befunde stützen die Skepsis gegenüber einer starren „Gegenwart“:

Mangelnde empirische Konstanz: White zeigt auf, dass die oft zitierten drei Sekunden kein stabiler Messwert sind. Die Daten aus verschiedenen Studien variieren massiv – von unter einer Sekunde bis hin zu über fünf Sekunden. Der Wert von drei Sekunden erweist sich oft als bloßes statistisches Artefakt (Mittelwert) ohne biologische Eigendynamik.

Aufgabenabhängigkeit statt Hardware-Takt: Die zeitliche Integration von Informationen scheint nicht durch eine „innere Uhr“ gesteuert zu werden, sondern durch die jeweilige Aufgabe. Ob wir Musik hören, sprechen oder uns bewegen – das Gehirn gruppiert Informationen flexibel nach ihrem Sinngehalt (Semantik), nicht nach einem festen Zeitraster.

Arbeitsgedächtnis statt „Gegenwarts-Fenster“: White argumentiert, dass die beobachteten Phänomene (wie das Halten eines Reims) vollständig durch bekannte Funktionen der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses erklärt werden können. Die Annahme einer zusätzlichen, mysteriösen „intrinsischen Zeitkonstante“ ist wissenschaftlich nicht notwendig.

Fazit: White bezeichnet den Drei-Sekunden-Moment als eine „hartnäckige Idee“, der die notwendige Beweislast fehlt. Er plädiert dafür, das Konzept eines festen Zeit-Containers zugunsten eines flexiblen, prozessorientierten Verständnisses von Zeitwahrnehmung aufzugeben.

Fazit: Wir leben auf der Rasierklinge

Pöppels Drei-Sekunden-Fenster beschreibt nicht die Dauer eines „singulären Bewusstseinszustands“, sondern schlicht den (günstigen) Preis der Haltbarkeit von Informationen in unserem biologischen Ultrakurzzeitspeicher. Diese Haltbarkeit der Information ergibt die Gestalt bei passenden Inhalten wie zum Beispiel Gedichten.

Es gibt kein Gefühl von „Gegenwärtigkeit“, das drei Sekunden lang anhält und dann „schwupps“ erneuert wird. Wir existieren nicht in Zeit-Containern. Wir leben auf einer messerscharfen Kante des Jetzt – auf jenen 30 Millisekunden, die entscheiden, ob wir das Auto rechtzeitig sehen oder nicht.

Fotografien zeigen unter anderem genau das: Den Unterschied zwischen dem harten, punktförmigen Moment und dem weichen, passiven Nachhall im Echo-Raum unseres Gehirns. Die Gegenwart wird in der Fotografie ein Festfrieren, ein Dokumentieren des Moments – Langzeitfotografie und ICM hingegen sind Protokolle einer Weile, die wir uns aus dem Fluss der Zeit geliehen haben.

Wenn wir das nächste Mal ein Foto betrachten, können wir uns fragen: Sehen wir gerade einen Moment (das Nichtmehrunterscheidbare in der Zeit) oder schon eine Weile (das Echo in unserem Kopf)?

Busker

Eine Belichtungszeit von 200 Millisekunden entspricht einem Augenzwinkern. Und doch reicht diese kurze Zeit aus, um einen menschlichen Unterarm in einen Geist zu verwandeln. Wenn unsere Gegenwart wirklich drei Sekunden dauern würde, wäre die Welt für uns ein permanenter Nebel aus verschwindenden Formen.

Zwei Türen

Ich weiss nicht genau warum, aber die ganz grossen, fiesen Rätsel haben mich immer am meisten fasziniert. Also Dinge, die andere, weitaus vernünftigere Leute ziemlich kalt lassen. Zum Beispiel jenes Ding mit den zwei Türen. Aber der Reihe nach:

Das Universum ist der verrückteste und seltsamste Ort auf der Welt, den man sich überhaupt vorstellen kann. Im Grunde ist es absolut lebensfeindlich. Überall dominieren extreme Kälte oder aber noch extremere Hitze. Tödliche kosmische Strahlung rast von einem Ende zum anderen. Und dennoch gibt es in dieser universellen Wüste seltsame, winzigste Oasen, in denen Leben möglich ist. 

Das ist völlig absurd. Wozu sollte so etwas auch gut sein?

Man weiss nicht einmal, wie gross es ist. Vielleicht sei es unendlich! Vielleicht handelt es sich gar um ein Multiversum, worin ich millionenfach existiere! 

Wie lange wird es noch bei uns bleiben? 

Implodiert es bereits in vier Stunden? 

Leben wir etwa alle in einem riesigen schwarzen Loch? 

Gibt es extraterrestrisches Leben? Intelligentes? Bis heute gibt es nur die Gebete der Astrophysiker, dass dies immerhin gut möglich sei. Möglicherweise gibt es aber gar nichts Vergleichbares zur Erde in der ganzen X-Milliarden Lichtjahre riesigen Einöde. 

Vielleicht ist das auch besser so. Also ohne diese gefrässigen Aliens. 

Die Mehrzahl der Astrophysiker erzählt uns immer noch übereinstimmend die schöne Geschichte vom Urknall, der vor ziemlich genau 13,8 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Aus einer Singularität, also aus einem Punkt, beziehungsweise aus dem unendlich Kleinen, also buchstäblich aus dem Nichts, sei alles entstanden. 

Ihre mathematischen Formeln verstehe ich leider nicht. Aber sobald diese Forscher ihre Erkenntnisse über das Universum in normale Sprache übersetzen, dann klingen die Theorien oft wie Science Fiction. Oder sie sagen sogar Dinge wie: Eigentlich weiss ich es überhaupt nicht, aber es könnte schon so oder so, oder aber auch ganz anders gewesen sein. 

Heute soll dieses Universum ziemlich gross, vielleicht sogar grenzenlos sein. Also sei aus dem Nichts unvorstellbar viel Materie und Energie, nebenbei auch noch solche Kleinigkeiten wie Zeit und Raum entstanden. Und folglich sei die Frage, was denn vor dem Urknall gewesen sei, ziemlich blöd, oder sagen wir einfach falsch. 

Normalerweise würden wir doch behaupten, solche Theorien seien völliger Quatsch. Aber da es sich in diesem Fall immerhin um seriöse Wissenschaft handelt, sagt man lieber: Jaaa, das übersteigt jetzt leider meine Vorstellungskraft… Wenn diese Wissenschaft dann noch darüber streitet, ob 70 (ja, siebzig!) Prozent des ganzen Universums, die so genannte Dunkle Energie, überhaupt existiert oder doch lieber nicht, dann fühlt man sich nicht wirklich unterstützt im Bemühen, diese Welt zu begreifen.

Sagen wir’s frei raus: Es ist ein Chaos! Nur eines ist wirklich ganz gewiss: Das Universum hat zwei Türen. 

Durch die Erste betritt man diese merkwürdige Bühne am Beginn seines Lebens und durch die Zweite verschwindet man am Ende wieder. 

Die erste Tür wird allgemein kaum in Frage gestellt. Ich bin dann einfach mal da, auch wenn ich häufig nicht so recht weiss, warum eigentlich und welche Rolle ich heute spielen soll. Die zweite Tür bereitet jedoch kollektives Kopfzerbrechen. Warum muss man denn überhaupt dort hindurch? Wie wird das sein, da hinauszugehen? Was findet man jenseits dieser Tür? Kurz, die zweite Tür im Universum, ihre Beforschung, Befragung und Beschwörung hat nicht nur die Leute um ihren wohlverdienten Schlaf gebracht, sondern die gesamte Kulturproduktion der Menschheit befeuert, wenn nicht gar erst begründet. Um Antworten zu finden? Oder um sich abzulenken?

Denn alles dreht sich letztlich um den Tod. Gerade auch dann, wenn man versucht, diesem leidigen Thema auszuweichen. Das Ausweichen geht nur eine Zeitlang gut. Irgendwann wird deutlich, dass jede Form der ablenkenden Unterhaltung und Betäubung bloss eine weitere Version eines bizarren Totentanzes ist.

Ja, es gibt auch die Vorstellung, dass das Universum gar nicht zwei Türen habe, sondern nur eine. Nämlich eine Drehtür. Geht man dort hinaus, kommt man flugs von draussen wieder rein. Mit anderem Aussehen, anderem Körper, natürlich wieder jung und das Spiel begänne von Neuem. Die wohl eher westliche, vielleicht etwas naive Adaption dieser Idee der Wiedergeburt, gaukelt dem tapferen Universumbewohner ein tolles, ewiges Menschenleben, unterteilt in verschiedene, unterhaltsame Kapitel, vor. Doch allem Anschein nach sind diese Kapitel recht zuverlässig voneinander abgeschottet, wenn sie denn überhaupt als solche stattfinden.

Insofern könnte es für die Existenz eines konkreten Bewusstseins einerlei sein, ob man von zwei Türen oder der einen Drehtür spricht. Zum Beispiel auch die Frage nach der Moral stellt sich einem ja so oder so (oder auch gar nicht), mit oder ohne Karma, mit oder ohne Gott. 

Eine weitere, ernsthafte Betrachtung der Kulturgeschichte würde aber die unendlichen Wünsche, Hoffnungen und die grosse Verzweiflung der Menschen zu Tage fördern – angesichts dieser rätselhaften zweiten Tür.

Genau das ist es, was bleibt. Da das Leben an sich leider keinen inhärenten Sinn bietet, habe auch ich – ab und an – versucht, dieser Absurdität ein pragmatisches Bisschen von etwas abzunötigen, was man allgemein mit dem Begriff Bedeutung belegt. Doch das wäre mir schon zu hoch gegriffen… Vielmehr geht es ja um kleine Bewegungen, die wenigstens im jeweiligen Moment irgendwie sinn-voll sein könnten. Nun ja, diese albernen Versuche aus dem Dschungel eine Lichtung herauszutrampeln waren es schon Wert, unternommen zu werden, auch wenn nichts Bleibendes dabei herausgekommen ist. 

Unter uns: Dies hier wäre jetzt exakt der passende Moment für den Auftritt des wahren Helden. Jener Lichtgestalt, die die zweite Tür für immer verriegelt und die Errichtung eines ewigen Himmelreichs im düsteren Universum mit munterem Kerzenschein feiern lässt. Jener gute Hirte, der den Fluch beenden würde… Aber die Regie hat diesen Moment verschlafen und so träumt unser Held weiterhin von einem Happy End, das wir nicht kennen.

(2. Video kreiert mit Hilfe von KI)

Die Fremden, der See und sein Hund

Am See lebt ein Hund, der den Menschen gerne aufzeigen würde, wie fremd sie auf dieser Welt und sich selbst gegenüber sind. Aber sie verstehen ihn nicht, wahrscheinlich gerade weil sie so fremd sind. So verschwindet er lieber durch einen magischen Tunnel kriechend in eine andere, verborgene Zeit und sucht sich zugänglichere Begleiter. Aber die Fremden gehen Kuchen essen und sogleich reden sie wirres Zeug, als wären Drogen drin gewesen. Und plötzlich sagt der eine: Hast du vorhin den Hund bemerkt? Den hab ich hier noch nie gesehen…

Aliens 1

Zwei meiner frühesten ICM-Bilder, 2013 aufgenommen am Bodensee (zum Vergrössern anklicken) und ein normales Foto – mit Hund...

The Art of ICM Portrait

(Thanks to Antonia Ruesch)

(Thanks to Urs Lengwiler)

Moby Dick?

Im zweiten Anlauf klappte es doch.

Die unbemannte Sonde landete 2073 tatsächlich auf Europa, jenem Jupitermond, dessen Oberfläche ganz mit Eis bedeckt ist. 

Die Vorgängersonde, der Europa-Chopper 1, scheiterte noch vor einigen Jahren, weil sie länger als geplant der enormen Strahlung des Jupiterstrahlungsgürtels ausgesetzt war. Entscheidende Elektronikelemente versagten darauf den Dienst und die steuerlose Sonde verpasste Europa, verschwand einfach in den Tiefen des Raums, ohne dass man je wieder einen Funkkontakt hätte herstellen können. 

Aber jetzt war es endlich soweit. Europa-Chopper 2 gelang der Ritt durch die Strahlenhölle, landete wie geplant auf der eisigen Oberfläche des Mondes. Ein innovatives Bohr-Schmelz-Gerät machte sich umgehend daran, die kilometerdicke Eisschicht Europas zu durchdringen. Dann endlich konnte ein Mini-U-Boot mit Spezialkamera ins Bohrloch herabgelassen werden – in den riesigen salzhaltigen Ozean. 

Aber wir wollen einen Moment innehalten und uns kurz dem Geschehen im Mission Control Center zuwenden. Sie wissen schon, das ist jeweils jener magische Raum, wo auf vielen Bildschirmen endloser Computercode flimmert, den nur Eingeweihte verstehen würden. Jener Ort, wo die diensthabenden Ingenieure bei geglückter Mission den Champagner zu entkorken pflegen und ihr Triumph würde alsbald für drei bis sieben Sekunden über die TV-Kanäle huschen. In Realität sass dort jetzt nur ein einziger Mann vor einer Reihe von Bildschirmen. Commander Ahab schaute seit Stunden grimmig in die Abgründe des Datenflusses, der von der Sonde übertragen wurde. Er malte sich in Gedanken immer wieder aus, was der Eispanzer Europas preisgeben würde, beziehungsweise was er alsbald in der Tiefe des Mondozeans zu sehen bekäme. Sein Geist war müde von der Warterei und innere Bilder kämpften gegen die Ödnis der Computerbildschirme. Da. Da war er doch? Aus der ewigen Dunkelheit des Meeres auftauchend war Der Weisse Wal zu sehen. Eindeutig.

Aber würde man dort tatsächlich, wie vermutet beziehungsweise erhofft, ausserirdisches Leben finden? Die Bedingungen dafür waren wohl nirgends im Sonnensystem derart geeignet wie unter Europas Eispanzer. Die ersten Bilder wurden gerade zur Erde gefunkt und sie liessen Ahab und die Fachwelt erstaunen. Was für Farben und Formen! 

Sehr schnell wurde klar, dass sich unter dieser Eisschicht nicht etwa nur primitives Leben finden liess. Nein, es waren deutliche Hinweise auf eine technologisch ordentlich fortgeschrittene Zivilisation erkennbar! Das da dort zum Beispiel! Das sah doch schwer nach einem RohrfederManometer aus, oder…?

How to Explain Pictures to a Camera

Beuys – Fett – Filz – Substanz? – Filz – Fett – Beuys

Bildstörung

Unterwegs.

Bilder verblassen. Worte verlaufen sich. Man ist Niemand und der Kompass dreht im Kreis.

Und doch – unterwegs. Ja, sogar auch ausserhalb des Handys. Schritte. Auf heimischen Kieswegen und über Ruinen etruskischer Tempel.

Vertrautes und Fremdes, Tod und Leben. Krieg ohne Frieden. Hat Jemand nach dem Sinn gefragt?

 

Lost in Lowland

Dort wo das Land immer flacher wird, stehen nur noch gut bewollte Schafe im rauen Wind. Aber das ist eher ein Klischee. 

Denn an der Nordsee zumindest gibt’s immerhin auch zahllose Windräder, die diese minimalistische Landschaft so unverkennbar prägen. Dort endlich scheint das unbeständige Meer nicht mehr weit. 

Aber wenn die Küste beinahe so flach ist wie Wasser, dann ist bei Ebbe kein Meer mehr da. Nur noch verlorene Bojen im dunklen Schlick, Wattvögel auf Nahrungssuche in den verbliebenen Pfützen, in der Ferne winzige hüpfende Drachen der unsichtbaren Kitesurfer, ein paar wiederkäuend herumliegende Rinder in den nahen Salzwiesen, lange, flache, blendend helle Sandbänke, einzelne, wie verloren wirkende Spaziergänger und Velofahrer, ein Restaurant auf absurd hohen Stelzen, endlose Himmel und natürlich der stete, fast schon unerbittliche Wind. 

Eine Weite in der man sich verlieren könnte.

Das Meer lässt sich nur noch erahnen. Furiose Wellen glitzern ganz fern in der Sonne am Horizont als wäre das Bild eine Fata Morgana. Dennoch fehlt es nicht, das Meer, denn überall sind seine Spuren zu sehen, auch zu riechen. Und man bekommt leichthin schon ein Vorgefühl für die kommende Flut.

(Die Bilder können durch anklicken vergrössert werden)

Der Traum vom Fliegen

Wie traurig’s hier ausschaut.

Fliegen wär’ jetzt schön.

Irgendwohin wo die Sonne wärmt und das Glück zu Hause ist.

Ohne Motor, ohne künstliche Flügel.

Einfach so aus eigener Kraft.

Um die Schwerkraft zu besiegen – und die Schwermut zu vergessen.

(Mirakulös, gewiss, aber garantiert klimaneutral.)

The Fury of Nature

Mit Flutwellen, Hitzewellen, Kältewellen, Dürreperioden, Viren, Erdbeben, Stürmen, Tsunamis, Meteoritenschlägen, Artensterben. 

Die Natur macht uns zu schaffen. 

Auch weil wir der Natur zu schaffen machen. 

Mit Plastikvermüllung, Pestiziden, Klimaerwärmung, Überbevölkerung, Abholzung von Wäldern, Energieverschwendung, Krieg.

Vor allem aber mit Egoismus.

Doch wir sind ein Teil dieser Natur, ein Teil der Biologie. 

Ist ihr eigenes Scheitern in der Biologie von Anfang an schon angelegt?

Ist das Erfolgsrezept der Evolution zugleich auch ihr Untergang?

Vor uns herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens unter Raub- und Beutetieren.

Was kommt nach uns?

Eine toter Planet beherrscht von KI und Robotern oder nur von Amöben und Ameisen?

Oder schliesst der Mensch Frieden mit der Natur und zahlt seine Schuld und Schulden zurück?

Homo faber

Der Planet war längst bereit. Es gab Sonne, Wasser und Sauerstoff zum Atmen. Die Erde lebte bereits. Ein Gleichgewicht des Schreckens herrschte, das mit etwas Distanz und Sympathie betrachtet, auch als schön, als einzigartig, als ein Wunder der Natur bezeichnet werden konnte. Nur war keiner da, der diesen Anblick hätte geniessen können.

Alles Leben war bloss Augenblick, immerwährende Gegenwart. Etwas grosszügig interpretiert war die Erde ein homöostatisches System und ein Kunstwerk zugleich mitten im ansonsten wahrscheinlich leblosen Universum.

Dann, warum auch immer, betrat der Mensch die Bühne. Aus dichtem Nebel kulturfreier Zeiten entstanden neue Farben und Formen.

Auf einmal gab es Vergangenes und Zukünftiges. Pläne wurden geschmiedet, um Wünsche und Träume wahr werden zu lassen. Sinn und Zweck, Moral und Gewissen machten sich breit.

Es wurden Brücken gebaut.

Städte.

Und es werden Kriege geführt…

(Zum Vergrössern Bilder einfach anklicken)

…Bonbon, Bonus, Zugabe

Hier noch ein paar Ergänzungen zur aktuellen Ausstellung, von der ich gestern berichtet habe. Die Bilder können käuflich erworben werden, entweder als Dateien für digitale Zwecke oder als hochwertige Drucke. Der Erlös aus dem Verkauf geht vollumfänglich an Caritas Ukraine zur Unterstützung der leidenden Zivilbevölkerung.

M.A.D.S. Art Gallery Milano

(Update 07.03.2023: Die Statistik zeigt mir, dass dieser Beitrag immer noch sehr oft aufgerufen wird. Ich vermute, dass die meisten Besucher sich einen Erfahrungsbericht über diesen Ausstellungsort erhoffen. Das ist hier aber nicht der Fall.)

Eigentlich war der Plan, jetzt locker eine Überleitung von meinem letzten Beitragstitel zu diesem hier zu schreiben. Zweimal Mailand, also sehr naheliegend. Aber da gibt es Ereignisse in dieser Welt, die mich eher daran hindern, überhaupt einen Beitrag zu formulieren.

Ich versuche es trotzdem – und das kann etwas länger werden… Meine Webseite ist weder ein reines „Feel Good“-Portal, noch ein politisches Projekt, das sich der Rettung der Welt verschrieben hätte. Obwohl Letzteres durchaus angesagt wäre, war mein Anliegen eher, hier eine Selbstvermarktung als Bilder machender Fotograf (mal so formuliert, um den Begriff „Künstler“ zu vermeiden) zu betreiben.

Zudem waren und sind meine Bilder alles andere als Beiträge, die sich kritisch mit dem Zustand unserer Welt auseinandersetzen. Bis auf winzige kritische Nebenbemerkungen war es mein Anliegen, eine Gegenwelt, eine Fantasiewelt, jedenfalls eine eigene Welt zu entwerfen. Eine Welt, die sich in banalem Sinn auch überwiegend als „schön“ anfühlt. Ich dachte und denke immer noch, das ist legitim und nicht eine biedermeierliche Weltverniedlichung. Wir alle brauchen Orte, um aufzutanken, um immer wieder Zuversicht zu gewinnen – ohne naiv zu träumen, sondern um einen Weg gehen zu können, der Zukunft hat.

Und nun hat Putin uns allen die Grenzen aufgezeigt. Sein Krieg gegen das Nachbarland ist nicht zu rechtfertigen, auch wenn man die Bedürfnisse der russischstämmigen Bevölkerung in der Ostukraine ernst nehmen muss. Bereits zum zweiten Mal in vier Tagen droht er dem Westen mit Atomschlägen. Hier ist etwas ausser Kontrolle geraten, etwas das sich nicht mehr so leicht wieder zurechtrücken lässt. Seit letzten Donnerstag ist unsere Welt eine andere geworden. Auch wenn dieser grausame Krieg in der Ukraine hoffentlich bald beendet sein wird, ein zweiter kalter Krieg zwischen Ost und West mit all den wahnwitzigen Folgen scheint Realität zu werden.

Doch darüber möchte ich auch nicht weiters schreiben. Denn das Thema ist sowieso omnipräsent. Aber was dann? Was soll denn nun dieser Titel des Beitrags? Ja, ich komme mir vor, wie im falschen Spielfilm. Diese 👉 Galerie in Mailand 👈 stellt ab heute, 16 Uhr, für eine Woche im Rahmen einer Gruppenausstellung drei meiner Bilder aus. Und doch – eigentlich auch wieder nicht. Die Bilder sind physisch gar nicht dort. Sie werden digital ausgestellt, leuchten also als Dateien geliefert von grossen Bildschirmen herab. Das wäre schön und gut, aber es gibt keine Vernissage. Keine Leute die sich dort treffen und sich über die Bilder dieser grossen Gruppen-„Ausstellung“ austauschen könnten. Man kann sich zwar auf Voranmeldung hin das Ganze vor Ort anschauen. Aber den Ausstellern geht es wohl primär um Medienpräsenz. So ist das Ganze also eher so etwas wie ein Online-Katalog.

Und nun noch der Titel der Ausstellung: F**K U – ja, tatsächlich. Damit habe ich meine liebe Mühe, auch wenn die Galerie vielleicht versucht, mit der kryptischen Schreibweise die Aussage etwas abzudämpfen. Ich vermute, dass das Konzept dahinter auch den Frust wegen der zweijährigen Covid-19-Pandemie und die Ablehnung gewisser Massnahmen unterschwellig zu bedienen versucht. So etwas zu unterstützen, ist jedoch nicht meine Absicht. Mir ist ebenfalls bekannt, dass Italien, auch in der Folge der Covid-19-Massnahmen, mit steigender Jugendgewalt auf den Strassen konfrontiert wird. In keiner Weise möchte ich meine Teilnahme als Aufforderung zu Gewalt missverstanden wissen. Natürlich geht es den Machern des Katalogs jedoch primär darum, die individuelle Freiheit gegenüber diversen „Sachzwängen“ und institutionellen Einschränkungen hervorzuheben. Was für mich wiederum okay ist. Unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine würde ich den Titel der „Ausstellung“ am liebsten direkt mit einem Namen ergänzen wollen, der mit P anfängt und mit utin aufhört.

Noch ein Thema: Meine drei ausgestellten Bilder (s. unten) kann man leider nicht in der Galerie in Mailand erwerben. Ich habe sie jedoch in meinem kleinen 👉 Webshop 👈 (der existiert nicht mehr… 02.02.2026) hochgeladen. Dort können sie in limitierter Auflage, entsprechend der digitalen Ausstellungstechnik unter anderem auch digital erworben werden. Der Erlös wird vollumfänglich der Hilfe für die ukrainische Zivilbevölkerung zu Gute kommen. Also, wer helfen will und sich trotzdem was Schönes anschaffen will. Es funktioniert.

Die Links zur Ausstellung, zum Katalog, zu meinen Bildern werde ich noch updaten, sobald ich sie bekomme.

Milan Station

Während meiner ersten Ausstellung 2017 in Weinfelden hing dieses Set mit zwanzig kleinformatigen Bildern im Restaurant Frohsinn. Ich nannte die Serie „Milan Station“, obwohl ich die Fotos im Sommer 2014 im Bahnhof in Florenz aufgenommen habe. Einfach so beim Warten auf den Anschlusszug, also zum Zeitvertreib. Die Bilder haben sich quasi selber gemacht, in Gedanken war ich nur halb dabei. Dazu passt dann auch die Verwechslung von Florenz mit Mailand… Aber eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo sich diese Szenen abgespielt haben.

Was für mich zählt, das ist der Glanz der durch Millionen Schritte glatt geschliffenen grauen Steine, das verklärende Reiseblau und der pulsierende Schwung, dieses nimmermüde Auf und Ab an sich. 

Die Geschichte dieser kleinen Fotoserie hat noch eine andere Facette. Ruedi Würgler hat damals diese Ausstellung organisiert und kuratiert. Beim Sichten möglicher Bilder in meinem digitalen Archiv ist ihm diese Serie überhaupt erst aufgefallen. Ich selbst hatte sie bereits „vergessen“. Insofern gebührt ihm ein spezieller Dank dafür, dass diese Bilder noch leben.

Spiel und Intuition

(Zum Vergrössern, Bilder einfach anklicken)

Manchmal werde ich gefragt, was denn dieses oder jenes meiner Bilder darstelle. Leider – so muss ich fast schon sagen – habe ich bisher immer brav erzählt, was konkret das Ausgangsmaterial war und vor allem auch wie ich es in fototechnischer Hinsicht gemacht habe. Zum Beispiel wenn ein Bild aussieht, als sei es eine Doppel- oder Mehrfachbelichtung (nicht bei diesen hier). Irgendwie war ich halt stolz darauf, verschiedene Bilder zu kreieren, die nach Doppel- oder Mehrfachbelichtung aussehen, aber tatsächlich nur Einfachbelichtungen sind. Mit solchen Erklärungen habe ich jedoch das bisschen Zauber selber aus den Bildern genommen. Schade eigentlich.

Nun in diesem dritten aufeinanderfolgenden Beitrag mit abstrakten Fotografien lasse ich solche Erklärungen ganz weg. Meine Ausflüge ins Abstrakte folgen ja weder einem Plan noch einer bestimmten Technik. Sie bedeuten mir vor allem – Freiheit. Die Freiheit mit fototechnischen Mitteln zu spielen. Man mag den Begriff Intuition in diesem Zusammenhang für überstrapaziert halten. Will nicht jeder, der keine näheren Erklärungen zu seinen Werken abgeben mag, die Intuition als eine besondere Quelle schöpferischen Tuns herausstellen?

Dennoch weiss ich keine bessere Erklärung für den Ursprung meiner Bilder, nicht nur den der Abstrakten. Selbst wenn ich doch einmal einem Plan folge, kam die Idee dazu eigentlich immer sehr spontan. Am schönsten empfinde ich den Prozess des Bilderherstellens, wenn aus einer spontanen Idee heraus, sich spielerisch weitere Möglichkeiten ergeben, denen zu folgen wiederum neue Horizonte öffnen. Den mentalen Zustand während dieser Arbeit hat Csikszentmihalyi mit dem Begriff Flow treffend benannt. Im Zustand des Flows sind Anforderungen und Fähigkeiten im Gleichgewicht. Weder Stress noch Langeweile sind dann Thema. Mir gefällt besonders die Selbstvergessenheit, die sich damit regelmässig einstellt. Anders als beim Meditieren, wo die temporäre Auflösung des Ichs eine Heidenarbeit darstellt, gelingt ein ähnlicher Zustand im Flow sozusagen nebenbei.

Date

Was ich im letzten Beitrag begonnen habe, möchte ich hier fortsetzen: Bilder zu zeigen, die teils völlig abstrakt sind, zum Teil aber noch erkennbare Objekte enthalten. Bei jener Bildserie habe ich auf den Ursprung, die rostigen Wände, hingewiesen. Man hätte diese Ausschnitte bei oberflächlicher Betrachtung ja auch für Aufnahmen von Baumrinde halten können. Nun hier ist ein solcher Hinweis auf konkrete Objekte gewiss nicht nötig. Ich habe mir nur überlegt, ob ich statt des trockenen Date den romantischeren Begriff Rendez-vous verwenden soll.

 

Konkret abstrakt

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Es gibt Tage, da bin ich es leid, Konkretes abzulichten und dann möchte ich gerne abstrakte Bilder kreieren. Doch mit dem Fotoapparat als Werkzeug bin ich als Ausgangsmaterial immer auf konkrete Gegenstände, Landschaften, Models angewiesen. Um dieses Bedürfnis nach Abstraktion umzusetzen, gibt es bekanntlich viele Tricks und Hilfsmittel, wie z.B. unscharf fokussieren oder ICM-Fotografie. Heute zeige ich einen anderen Zugang: die Wahl eines Bildausschnitts, der das Konkrete hinter sich lässt. Alles was man hier noch erkennen kann ist Rost – und ein Schneckenhäuschen. Letzteres gibt hier eine Idee davon, wie gross etwa die Ausgangsobjekte sein müssen.

Doch bleibt man beim Betrachten dieser Bilder bei der Erklärung Rost hängen? Ich glaube nicht. Unser Gehirn sucht ständig nach Bedeutung in der Umwelt, um ja nichts zu verpassen. Ein abstraktes Bild frustriert nun zuerst einmal dieses Bestreben. Da ist auf einmal etwas, das keinen Sinn ergibt. Dabei kann man es bewenden lassen und weiter gehen.

Oder man lässt sich auf dieses Sinnlose ein. Dann passiert zunächst etwas mit der Wahrnehmung. Unser Gehirn, so wir es nötigen, sich weiterhin mit diesem nutzlosen Objekt auseinanderzusetzen, setzt seine Arbeit fort und sucht immer noch nach Mustern, nach Bekanntem und Vertrautem, nach Positivem und Negativem, nach Ressourcen und Gefahren, auch dort wo gar nichts solches ist. Es kann nicht anders, es muss unsere Umwelt zwanghaft interpretieren.

Und so entdecken wir in völlig abstrakten, durch Zufall geformten Strukturen manchmal doch noch irgendein Muster, manchmal ein Tier, ein Gewölk, ein Virus, eine Szene oder eine ganze Landschaft. Und das alles geschieht sehr schnell. Bevor wir noch darüber nachdenken können, was uns jetzt dieses Bild sagen will, sehen wir dort – eventuell – schon solche vertraute Muster.

Dann erst beginnt die Auseinandersetzung mit einem abstrakten Bild. Ich kann mich fragen, was hat der Schöpfer dieses Bilds aussagen wollen? Hat er diese oder jene „Figur“ absichtlich gesetzt oder sehe nur ich sie als solche? Die Interpretation bleibt meist recht spekulativ oder zumindest subjektiv. Im Allgemeinen kann man versuchen, die Wirkung von Farben, Räumen, Art der Strukturen zu deuten. Es gibt ganz ordentliche Bilder und mehr chaotische Abstrakte, insofern werden auch verschiedene abstrakte Stile unterschieden.

Die Betrachtung abstrakter – scheinbar sinnloser – Bilder kann also recht kurzweilig sein. Bei den dokumentarisch Konkreten ist die Interpretation auf der Ebene des Mustererkennens nämlich sofort beendet bzw. eine Mustersuche muss meistens gar nicht stattfinden. In Bezug auf eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Bilder haben aber die Konkreten oft wieder die Nase vorne.

Ein konkretes Bild vermag Themen und Zusammenhänge darstellen, ein Abstraktes bleibt eher – manchmal wohltuende – Spielerei, die die Fantasie anregt.

Magie zeitloser Räume

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In den Bergen verliert die Zeit ihre Bedeutung. Gewiss, Jahres- und Tageszeiten sind für die Natur auch hier oben relevant, keine Frage. Aber welcher Tag, welches Jahr, welches Jahrhundert, Jahrtausend…? Unerheblich.

Natürlich verändern sich Bergstrukturen ganz langsam mit der Zeit. Doch verglichen mit der Dauer eines Menschenlebens bleibt in der Höhe, wo die Luft dünner und die Sehnsucht grösser wird, vieles vom Joch der sich jagenden Momente, von Gelegenheit und Gegenwart, von Fälligkeitsdaten verschont. Hier ist der Mensch wirklich nur Gast, auch wenn er sich oft nicht entsprechend benimmt.

Jedenfalls ist er klein und unbedeutend im Auge des kreisenden Adlers über der feuchten, baumlosen Hochebene. Reizvoll fingert ewiger Schnee im Sommer die steilen Berghänge hinunter, um den Geissen und Kühen die letzten Grenzen jenseits der Zivilisation zu weisen. Gewiss, wir Menschen halten uns nicht an diese Grenzen. Wir schielen viel weiter nach oben, näher ran ans Metaphysische. Aber auch eine Sauerstoffmaske hilft nicht, dieses übersinnliche Reich zu erklimmen. Die Schwerkraft hält uns auf dem Berggipfel fest.

Freiheit kann der Bergsteiger zwar fühlen und erahnen, falls er dafür Antennen hat, aber nur für winzige Zeitspannen wirklich erleben. Dann wenn er durch diese grandiose Landschaft hindurchzuschauen vermag und den Nachhall des Urknalls spürt. Wenn er die stete Bedrängnis der Chronometer wie auf Adlerschwingen spielend hinter sich lässt. Wenn seine Sehnsucht einen unaussprechlichen Traum gebiert.

Doch kurz darauf kollabiert dieser Traum. Der Gipfelstürmer muss sich mit einem wehmütigen Blick auf seine Uhr auf einen beschwerlichen Rückweg in die Welt der Termine und Fristen aufmachen. Verlängerung der Fiktion würde nur noch ein Gleitschirm versprechen.

Der Traum von Berggipfeln, von unberührter Natur begegnet somit manchmal verborgenen Räumen, denen Zeit völlig gleichgültig ist.

Das grosse Würfelspiel

Einen Weg gehen. Einem Blick standhalten. Ein Muster deuten.

Der Mensch geht seinen Weg. Das Tier sieht in dich hinein. Gott deutet die dunklen Zeichen am Himmel, denn er kennt sie schon, bevor sie sichtbar werden.

Doch was bestimmt, wer ich bin, wer der andere ist? Der Zufall?

Bist du Mensch, Tier oder Gott? Oder – alles in einem?

Auch ein Tier geht seinen Weg. Der Blick des Tieres kann Gottes Wille offenbaren. Gottes Hand kann eine Illusion sein. Waches Bewusstsein erweist sich als Traumzustand. Scheinbar intelligente Begriffe verwandeln sich auf einmal in substanzlose Worthülsen. Deutliche, sich aufdrängende Muster können rein gar nichts bedeuten. Weisses Rauschen…

Sinn und Unsinn sind Zwillinge.