Sind wir einfach eine kosmische Notwendigkeit?

Warum Leben im Universum wahrscheinlich der Normalfall ist

War die Entstehung des Lebens auf der Erde ein einmaliger, fast unmöglicher „Lottogewinn“? So dachte ich jedenfalls bis heute. Und lange Zeit glaubte die Wissenschaft, dass der Sprung von toter Materie zu einer lebendigen Zelle so gewaltig ist, dass wir allein im weiten Weltall sein müssten. Doch neueste Erkenntnisse zeichnen ein völlig anderes Bild: Das Universum scheint geradezu darauf programmiert zu sein, Leben hervorzubringen.

Die „Baustein-Lieferung“ aus dem All

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Jüngste Analysen von Asteroiden wie Ryugu oder Bennu haben gezeigt, dass die Grundbausteine des Lebens – die Nukleinbasen unserer DNA, Zucker und Phosphate – im Weltraum allgegenwärtig sind. Das „Material“ für die Ursuppe wurde der jungen Erde quasi per kosmischem Lieferservice frei Haus geliefert. 

Denn obwohl die Erde schnell abkühlte, blieb sie chemisch ein schwieriges Pflaster für die Eigenproduktion von Lebensbausteinen. Hier kommen Asteroiden als Lieferanten ins Spiel. Dass die Erde so früh bereit war, bedeutet lediglich, dass der „kosmische Lieferservice“ seine Fracht auf einen bereits empfänglichen Planeten abwerfen konnte. Die Asteroiden lieferten die nötige Konzentration an Molekülen, die im Urozean sonst einfach „verweht“ wären.

Der fliessende Übergang: Von der Chemie zur Biologie

In seinem aktuellen Video auf dem Kanal „Grenzen des Wissens“ beschreibt der Physiker Prof. Dr. Gerd Ganteför eindrücklich, wie dieser Prozess wahrscheinlich ablief. Es gab keinen magischen Moment, in dem plötzlich eine fertige Zelle auftauchte. Stattdessen sehen wir einen kontinuierlichen Evolutionsprozess auf molekularer Ebene.

Das Stichwort lautet RNA-Welt. Kurze Molekülketten, sogenannte Ribozyme, können sich in einer warmen Pfütze durch einfache physikalische Prozesse – wie den täglichen Temperaturwechsel von Tag und Nacht – selbst kopieren. In dem Moment, in dem sich ein Molekül erstmals selbst vervielfältigt, beginnt die biologische Evolution. Aus Physik wird Biologie.

Leben als emergente Eigenschaft: Ein kosmisches Programm?

Wenn die Bausteine überall im All vorhanden sind und die Gesetze der Thermodynamik auf jedem wasserreichen Planeten gleich funktionieren, dann ist Leben kein Zufall. Es ist eine emergente Eigenschaft der Materie. Unter den richtigen energetischen Bedingungen muss Komplexität entstehen.

Indem wir den Ursprung des Lebens ins All verlagern, entziehen wir der Entstehung den Status des „lokalen Wunders“. Wenn die Bausteine ein Nebenprodukt der Stern- und Planetenentstehung sind, dann ist die Information für das Leben fest in die Hardware des Universums eingeschrieben. Es ist ein kosmisches Programm.

Das Universum ist nicht geistlos?

Hier berühren wir das tiefgründigste Postulat von Ganteför, das wir aus der Quantenphysik ableiten können: die Existenz eines allumfassenden Informationsfeldes. Er geht über die blosse Materie hinaus und postuliert eine immaterielle, ordnende Komponente des Kosmos. Emergenz wäre somit kein blinder chemischer Prozess; sie wäre das Resultat dieses Feldes, das dem Universum eine Art „Achtsamkeit“ (mindfulness) verleihen würde.

Dieses Informationsfeld kommt der Vorstellung einer transzendenten Entität am nächsten, ist aber eine physikalisch begründete Hypothese. Es wäre der Grund, warum Materie nicht dumpf und tot bleibt, sondern zu atmen, zu denken und zu fühlen beginnt.

Das Prinzip des Lebendigen oder der Augenblick, in welchem das Universum zu atmen beginnt.

Homo faber

Der Planet war längst bereit. Es gab Sonne, Wasser und Sauerstoff zum Atmen. Die Erde lebte bereits. Ein Gleichgewicht des Schreckens herrschte, das mit etwas Distanz und Sympathie betrachtet, auch als schön, als einzigartig, als ein Wunder der Natur bezeichnet werden konnte. Nur war keiner da, der diesen Anblick hätte geniessen können.

Alles Leben war bloss Augenblick, immerwährende Gegenwart. Etwas grosszügig interpretiert war die Erde ein homöostatisches System und ein Kunstwerk zugleich mitten im ansonsten wahrscheinlich leblosen Universum.

Dann, warum auch immer, betrat der Mensch die Bühne. Aus dichtem Nebel kulturfreier Zeiten entstanden neue Farben und Formen.

Auf einmal gab es Vergangenes und Zukünftiges. Pläne wurden geschmiedet, um Wünsche und Träume wahr werden zu lassen. Sinn und Zweck, Moral und Gewissen machten sich breit.

Es wurden Brücken gebaut.

Städte.

Und es werden Kriege geführt…

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Evolution der Rekorde

Das Leben selbst ist der Motor.

Er sucht diese Intensität, geht immer wieder an seine Grenzen, will alles und sofort. Das Laute und Schnelle siegt zuverlässig im Wettlauf der Evolution.

Manchmal ist dieses Laute und Schnelle auch das Schöne.

Doch warum ist es das? Weil es erfolgreich ist? Weil wir auf diese Reize programmiert sind?

Intensität der Farbe, der Fruchtbarkeit. Wir reden nicht über Symbole. Nein, wir sprechen hier von Rot. Ganz unmittelbar, rein, rasend und unbarmherzig.

Rot – so sanft wie der Beat von Charly Watts auf Rocks Off; so rabiat wie ein lauer Spätsommerabend.

Rot – so laut wie das Vakuum jenseits des Sonnensystems; so leise wie der inbrünstige Schrei eines einsamen Pottwals im Dunkel des Pazifiks.

Rot – so verrückt wie die tägliche Dosis Fluctine zum Frühstück; so normal wie ein Massaker an Ureinwohnern auf einer Karibikinsel.

Rot ist ein irres, befreiendes Lachen.

Rot ist eine Träne, gefüllt mit dem Salz aller Enttäuschungen.

Der Mohn jedenfalls ist rot…

Wir leben, um diese Intensität zu fühlen. Sie nährt unsere Wünsche, unsere Illusionen, unsere Wahnvorstellungen, ohne die wir keinen Tag atmen könnten. Wir lassen uns zu neuen Rekorden hetzen und in absurde Extremismen treiben. Aber an guten Tagen wollen wir einfach nur glücklich sein, lieben und über uns selbst lachen. Insofern wir überhaupt leben, sind wir nur diese Gefühle. Alles andere sind intellektuelle Selbsttäuschungen.

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