Sönd wöllkomm!

Das Alpsteingebiet gehört schon länger zu meinen Lieblingsausflugszielen. Die Anziehungskraft dieser urigen Landschaft ist enorm. So gilt z.B. das Berggasthaus Aescher-Wildkirchli, seit «National Geographic» 2015 diesem Ort die Titelstory widmete, als einer der coolsten Plätze des ganzen Planeten.

Gerade mal gut zwei Kilometer Luftlinie von diesem Highestlight entfernt befindet sich die beschauliche Alp Sigel. Dorthin kann man von Brülisau aus natürlich auch hoch wandern. Aber wir, mein Fotokollege Uwe und ich, haben uns entschieden, diesen beschwerlichen Teil des Ausflugs bequemer mit der Luftseilbahn zu bewältigen. Es war der 3. Oktober 2018, ein eher düsterer, nebliger Tag mit Regentendenz. Die Drahtseile ragten aus dem unscheinbaren Schuppen, der als Talstation dient, trotzig ins graue Nichts. Tourismus fand an so einem weniger freundlichen Tag, zumal es unter der Woche war, überhaupt nicht statt.

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Der Garten als fotografisches Spielfeld

Einen eignen Garten zu haben, bedeutet stets zweierlei: Viel schweisstreibende Arbeit einerseits, von der sich ein Nichtgartenbesitzer kaum eine Vorstellung macht, aber eben auch Entspannung, Ruhe, viele Tiere und Pflanzen zum Beobachten, Staunen und sich Freuen.

Für mich ist der Garten obendrein auch noch ein fast unerschöpfliches fotografisches Experimentierfeld. Nicht wenige hier auf foto-stil.com veröffentlichte Bilder sind im eignen Garten aufgenommen worden. Eigengewächse sozusagen. Einigen sieht man diese Herkunft direkt an, anderen weniger. Je kleiner der Bildausschnitt, je abstrakter die Komposition, umso weniger lassen sich eben Rückschlüsse auf den Tatort ziehen. Es sei denn, ich habe grosszügig Hinweise gestreut, wie in diesem Beitrag.

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Rückblende

Manchmal werde ich ein wenig nostalgisch und stöbere auch in den älteren Ablagen meines Fotoarchivs. 2011 habe ich meine allerersten ICM-Bilder gemacht, die ich heute gerne mal zeigen möchte.

Das erste ist im Juni in der Toskana entstanden. Es war ein kühler, ungemütlicher Tag, es regnete und der Blick aus dem Hotelzimmer war eigentlich nicht wirklich fotogen. Irgendwie kam ich dort auf die Idee, einen Wischer ins triste Bild zu malen und schon war es da, mein erstes ICM-Bild. Auf dem Kameramonitor sah das ganz nett aus und ich hab’s bis heute im Archiv behalten.

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Monteriggioni

Das Zweite entstand im gleichen Jahr im Oktober in Venedig. Wir sassen im Caffè Florian und haben zwei Kaffees und etwas Kuchen bestellt, dazu dudelte schöne Live-Kaffehausmusik von draussen durch die offenen Türen und Fenster herein. Das machte schlappe 50 Euro, aber was soll’s, wir waren im Flo in Venedig und man gönnt sich ja sonst nix…

Dort hatte ich dann die Idee, die Kamera während der Belichtungszeit ein wenig um die Objektivachse zu rotieren. Das Resultat fand ich damals sogar sehr aufregend – nun, wahrscheinlich neige ich halt doch etwas zu Selbstüberschätzung…

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Caffè Florian, Venice

In den folgenden Jahren habe ich fotografisch gerne ein bisschen experimentiert und so hat es also angefangen, das Fotografieren nicht nur im Dokumentarstil und als Ferienerinnerung, sondern aus Leidenschaft, um die Welt so darzustellen, wie ich sie gerne sehe.

Jahrelang wusste ich nichts von ICM, ich habe es einfach gemacht. Ich war sozusagen der ignoranteste Autodidakt, den man sich vorstellen kann. Vor zwei, drei Jahren habe ich dann realisiert, dass viele andere Fotografen „das“ ja auch machen. Und seit etwa einem Jahr wusste ich dann endlich, wie das Ding heisst und seither schreibe ich auch überall fleissig ICM auf meine Fahnen.

Noch viel viel weiter zurück geht diese Geschichte. 1984, Johnny Winter live am Jazzfestival in Montreux. Als ich dieses Video kürzlich anklickte, realisierte ich, dass ich exakt bei diesem Konzert selbst unter den Zuschauern war. Nun, überlanger Blues plus Guitar Heroes Sound – das ist heute sicher nicht gerade jedermanns Sache. Aber damals war’s echt geil, ein ganz tolles Erlebnis.

Es gibt genau drei Arten, wie man dieses Video schauen/hören kann: 1. Gar nicht, aus erwähnten Gründen, 2. Beim Bügeln so nebenbei reinhören und dabei ein paar Falten zu viel ins Hemd bügeln oder 3. Die Boxen voll aufdrehen, zuschauen und geniessen. It’s up to you.

Caffè liscio e uno strudel di mele con panna

Ein Freund hat mich drei Wochen zuvor eingeladen, mit ihm und zwei seiner Kinder Skiferien im Trentino zu verbringen. Nun ja, Skiferien… Ich war fast 35 Jahre nicht mehr auf der Piste und ich dachte eigentlich, das Kapitel sei für mich endgültig abgeschlossen. Aber dann habe ich komischerweise trotzdem zugesagt. Ich war zwar nach wie vor ziemlich skeptisch in Bezug auf den Wintersport. Aber eine neue, mir bisher unbekannte Gegend kennenzulernen und vor allem zu fotografieren, reizte mich schon.

Nein, Skifahren verlernt man nicht, meinte mein Freund. Das sei so wie beim Fahrradfahren. Gut, am ersten Tag bin ich dann dreimal relativ heftig gestürzt und ich war schon drauf und dran, die Bretter stehen zu lassen. Aber dann habe ich mir ganz einfach vorgenommen, nicht mehr zu stürzen und siehe da, es hat geklappt. Den Rest der Woche fuhr ich wie ein alter Schneehase, als hätte ich die letzten 35 Jahre im Winter nichts anderes gemacht als Skilaufen. Tja, die Macht positiver Gedanken (oder das Glück des Ahnungslosen…); wie man will.

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Neulich im Zug

Manchmal wirkt die Realität so surreal, dass man sie noch etwas vergolden muss…

(Ergänzung vom 29.11.2017: Das Bild ist keine Fotomontage. Es ist entstanden, als ich gerade eben in den Zug eingestiegen bin und durch das Türfenster vis-à-vis diese leicht überdimensionierte Badenixe in unmittelbarer Nähe gesehen habe. Diese, beziehungsweise das Bild von ihr, war an den Zug auf dem angrenzenden Geleise montiert zwecks Werbebotschaft für irgendein Wellnessangebot. Mein Zug fuhr sogleich ab. So konnte ich von diesem skurrilen „Arrangement“ nur gerade ein einziges Foto machen.

Zum Fototechnischen: Durch Verbiegen der Gradationskurve zu einem U in der Nachbearbeitung wird vor allem im zu dunklen Innenraum des Zuges eine Imitation einer Pseudo-Solarisation erkennbar. Dann habe ich das Bild mit Tonality, einem genialen tool für die S/W-Bearbeitung, ein wenig „goldig“ monochromisiert.)

Zum Vergrössern, Bild bitte anklicken.

Chäserrugg

Den „Rücken des Käsers“, den östlichsten Gipfel der eindrücklichen Churfirsten sehen wir bei klarem Wetter vom Wohnzimmer in Weinfelden aus. Folglich war das keine allzu grosse Reise dorthin, die meine Frau und ich Anfang August dieses Jahres unternommen haben, um etwas frische Bergluft schnappen. Ich wollte Blümchen, Kühe und Aussicht fotografieren, also nichts Besonderes. Wir haben uns entschlossen, den Berg nicht zu Fuss zu bezwingen, sondern die bequeme Route von Unterwasser im Toggenburg mit der Standseilbahn zur Zwischenstation Iltios und weiter mit der Luftseilbahn bis zum Gipfel auf 2262 Metern über Meer zu nehmen. Schliesslich gibt’s dort oben noch den Rundweg Rosenboden, wo wandern oder vielmehr spazieren auf dem „Blumenweg“ schwer angesagt ist.

Doch bevor wir jetzt losmarschieren und Blümchen knipsen, noch ein paar Worte zur Bergstation Chäserrugg. Das ist nicht irgendein Nullachtfuffzehn-Betonklotz, sondern ein Neubau der eher besonderen Art. 2015 wurde diese Bergstation der Luftseilbahn mit dem Gipfelrestaurant von den Basler Architekten Herzog & de Meuron errichtet. Für dieses Werk erhielten sie die Auszeichnung „Hase“ (Hm, Eichhörnchen täte mir noch besser gefallen…) in Bronze der Zeitschrift Hochparterre.

Bekannt sind Herzog & Meuron für viele Prestigebauten in aller Welt, so z.B. für den Bau der Elbphilharmonie in Hamburg und für das Fussballstadion… – nein also die Bayern mag ich – rein fussballerisch betrachtet – einfach nicht. Auch das Hauptgebäude der Firma Actelion in Allschwil ist ein absoluter Hingucker.

Die Bilder der Bergstation zeigen vielleicht ein bisschen, wie gut den Architekten die Verbindung zwischen traditioneller Holzbauweise, zum Teil im „Heuschober“-Stil, und modernen Proportionen und Linienführung gelungen ist.

Ein paar Schritte von der Bergstation weg wurde das Alphorn in Taschenformat (beinahe, jedenfalls ist dieses Instrument federleicht) gefeiert. Nebst dem omnipräsenten Smartphone sind auf dem Bild auch noch eine Spiegelreflex- und eine Drohnenkamera (wenn man genau hinguckt) zu erkennen.

Dieser Alphornbläser wurde an diesem Tag wohl einige hundertmal fotografiert, wobei wir wieder beim common grave of photography wären, aber lassen wir das. Heute gibt’s im Gegensatz zu meinen Absichten auch von mir sogar eine regelrechte Fotoschwemme. Denn die Regeln sind auch zum Brechen da.

Wenn ich irgendwo Kühe sehe, dann wird fotografiert. Ich mag Kühe. Sie liefern uns Milch, Joghurt, Käse, Raclette, Fondue, etc. Warum sollte ich Kühe also nicht mögen? Und sie mich, oder meinen Fotoapparat. Jedenfalls nähern sie sich jeweils schnell und neugierig an und kurz bevor so eine Kuhzunge mein Objektiv zu reinigen beginnt, ziehe ich mich mit dem optischen Gerät doch lieber ein bisschen zurück.

Toll waren an diesem Tag die Schleierwolken, die alleine für sich schon malerische Bilder hergegeben hätten.

Die Blümchen… Ein paar Beispiele vom Rundweg Rosenboden, wo allerdings die Aussicht auf die Bergwelt noch mehr fasziniert.

Beim Blick nach Norden sieht man den Alpstein mit den drei höchsten Gipfeln: Säntis, Altmann und Wildhauser Schafberg. Das erinnerte mich an eine Bergwanderung von vor zehn Jahren:

Hier kurz die nostalgischen Bilder von damals: Der Schafberg mit seinen 2373 Metern Höhe ist ein eher sportliches Ziel. Es gibt keine Seilbahn da hinauf und auch kein Gipfelrestaurant… Wir starteten damals in Wildhaus auf 895 Metern über Meer im dichten Nebel (1). Unterwegs gibt’s absolut nur eine Richtung: steil bergauf. Auf halber Höhe konnten wir erstmals über den Wolken die Churfirsten sehen (2). Oben auf dem Gipfel sieht man rüber zum nahen Säntis mit seiner wuchtigen Bergstation (3) und rüber zum Altmann (4), der ebenfalls nur zu Fuss erreichbar ist. Auf dem Altmann sahen und hörten wir über fast zwei Kilometer Distanz Leute herumjodeln. Wir antworteten, wahrscheinlich ebenso ausdrucksstark. Die Aussicht über das Wolkenmeer auf die etwas tiefer liegenden Churfirsten war schlicht phänomenal (5)! Alles war phänomenal an diesem Tag, zumal wir zu schon vorgerückter Stunde die einzigen auf dem Gipfel waren! Phänomenal war dann auch der Muskelkater nach dem Abstieg, den ich eine ganze Woche lang spürte…

Zurück zu unserem aktuellen, eher beschaulichen Spaziergang, der auch mit ansprechenden Infotafeln recht lehrreich gestaltet ist. Als ich die Bergdohle beim Abflug fotografierte, wusste ich noch nicht, dass ich gleich ein Déjà-vu erleben würde.

Zunächst machte ich einer Gruppe junger Leute Platz, die sich nicht nur lautstark in englischer Sprache unterhielten, sondern da hing noch etwas Spezielles zwischen deren Köpfen: Eine Kamera kardanisch aufgehängt, vielleicht auch mit einem elektronisch gesteuerten Gimbal ausgerüstet, damit das Bild trotz Sauseschritt nicht wackle. Die Gruppe war im Nu an mir vorbeigeflitzt. Ich begriff dann gerade noch, was da in etwa sich abspielte. Eine junge Frau führte tatsächlich ein Interview mit den Jungs und zwar mehr trabend als gehend und filmte das ganze auch noch. Nun ja, Sachen gibt’s.

Ein paar hundert Meter weiter fiel uns die Gruppe wieder auf, diesmal am Abgrund in Richtung Süden mit Blick auf den Walensee stehend und merkwürdig kostümiert. Dann hatte ich das Déjà-vu beziehungsweise ging mir ein Lichtlein auf und ich begriff: Gleich werde ich Zeuge todesmutiger Basejumper, die mal eben schnell nach Walenstadt hinunterspringen.

Da ich selber nicht schwindelfrei bin und nur ein Weitwinkelobjektiv dabei hatte, konnte ich definitiv nur den Absprung aus sicherer Distanz dokumentieren. Mir blieb gerade noch Zeit, die Seriebildfunktion zu starten und schon sprangen die ersten beiden. Bei der Bildanalyse am Computer sah ich zwar den Jumper mit dem weissen Wingsuit nach ca. einer Minute Flugzeit auf mehreren Bildern dicht über den Wald flitzen, aber nur noch als kleinen weissen Fleck. Ich machte mir den Spass, aus der Bildserie annähernd auszurechnen, wie schnell er wohl geflogen sein musste und kam auf ca. 120 bis 160 km/h. Nach Auskunft der dann doch auch berndeutsch redenden Filmerin fliegen sie sogar bis zu 210 km/h schnell.

Auf dem letzten Bild, als der blaue Batman startete, sieht man ca. 1750 Meter tiefer die beiden ersten Springer, sicher gelandet auf der Wiese rechts zwischen Wald und Strasse. Und der mit dem roten Wingsuit sieht man sogar noch ganz oben am Bildrand an seinem kleinen Bremsgleitschirm in der Luft schweben.

So ein Flug dauert keine zwei Minuten – etwas länger hatten wir dann auf dem Rückweg mit der Bergbahn auf der anderen Bergseite hinunter ins Toggenburg und heim in die gute Stube mit der Fernsicht auf diese wunderbare Bergwelt.